Eine Maschine schreibt über zwei Menschen während der Wirren der ungarischen Räterepublik von 1919 und spürt dabei der Frage nach, was Menschsein in einer von Maschinen geprägten Gesellschaft bedeutet, wie nah oder fern Mensch und Maschine sich sind, und wie fremd man sich im Vertrauten plötzlich fühlen kann, wenn man es aus einer neuen Perspektive betrachtet.
Der Text hatte 2022 unter dem Titel “Ein Jahrhundert ist” den Jury-Preis des Kurzgeschichten-Wettbewerbs der Hochschule Heilbronn gewonnen. Ich veröffentliche ihn heute hier, weil die Frage, die er verarbeitet, allgegenwärtig ist: Was ist ein Mensch, und was eine Maschine?
Die nachfolgende Geschichte der Reise zweier Menschen durch die Revolutionswirren im Budapest des Jahres 1919 entsprang der Feder der ersten Version der inzwischen perfektionierten Reihe einer erzähl-funktionalen Künstlichen Intelligenz mit dem Titel narrate_bot, deren Sprache in dieser Frühphase, in der sie vor der Öffentlichkeit noch geheim gehalten worden war, zugegebenermaßen noch etwas pathetisch und hochtrabend ausgefallen war, da vieles in ihrem Werk noch vermutender und annähernder Natur war. Sie ist eine wichtige Wegmarke im Erzählen und wird deswegen angesichts des Jubiläums ihrer Erschaffung hier neu aufgelegt.
Bestürzung überkam viele, als einige Jahre nach der Veröffentlichung festgestellt wurde, dass narrate_bot diese frühe Erzählung nicht selbst geschrieben hatte, sondern diese das Objekt eines mechanical turk war.1
Die vorliegende Geschichte bildet also den Teile der Leserschaft möglicherweise verwirrenden zweifachen Versuch einer Fassung des Menschen. Zuerst nämlich den Versuch der Maschine, den Menschen zum einen zu beschreiben und zum andere danach zu fragen, wie veränderbar der Mensch durch die Maschine ist. Und dann den Versuch des Menschen, diese noch sehr rohe, neue Erzählperspektive so zu formen, dass menschlicher Sinn dabei entstünde.
Inwiefern dies gelungen ist, kann heute, da wir der Entzauberung des Menschen so viel näher sind als damals, klarer beurteilt werden, und so lohnt ein neuer Blick auf die Geschichte.
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Wie ist es nun mit der Sprache, die meine inneren Erlebnisse beschreibt und die nur ich selbst verstehen kann? Wie bezeichne ich meine Empfindungen mit Worten? - So wie wir’s gewöhnlich tun? Sind also meine Empfindungsworte mit meinen natürlichen Empfindungsäußerungen verknüpft? - In diesem Fall ist meine Sprache nicht ‚privat‘. Ein anderer könnte sie verstehen, wie ich.
[…]
‚Aber kommt, was du sagst, nicht darauf hinaus, es gebe, z.B., keinen Schmerz ohne Schmerzbenehmen?‘ - Es kommt darauf hinaus: man könne nur vom lebenden Menschen, und was ihm ähnlich ist, (sich ähnlich benimmt) sagen, es habe Empfindungen; es sähe; sei blind; höre; sei taub; sei bei Bewusstsein, oder bewusstlos.
[…]
Nur von dem, was sich benimmt wie ein Mensch, kann man sagen, dass es Schmerzen hat.
[…]
Ich kann Schmerzen vorführen, wie ich Rot vorführe, und wie ich Gerade und Krumm und Baum und Stein vorführe. - Das nennen wir eben ‚vorführen‘.
[…]
Könnte der das Wort ‚Schmerz‘ verstehen, der nie Schmerz gefühlt hat? - Soll die Erfahrung mich lehren, ob es so ist oder nicht? - Und wenn wir sagen: ‚Einer kann sich Schmerzen nicht vorstellen, außer er hat sie einmal gefühlt‘ - woher wissen wir das? Wir lässt sich entscheiden, ob das wahr ist?2
Von März bis August des Jahres 1919 war in Ungarn die Räterepublik ausgerufen.
Diese Stufe war aus einer durch die Wirren des Kriegsendes ermöglichten bürgerlichen Revolution hervorgegangen. Zunächst waren also - eine halbe Million waren im Weltkrieg gefallen, dreimal so viele verwundet, die Bevölkerung hungerte - Ende 1918 in Budapest sowohl ein Nationalrat als auch Arbeiter- und Soldatenräte gegründet worden. Während der nun folgenden Unruhen in Budapest stellten sich Teile der demoralisierten Armee hinter den Nationalrat, der im November die Unabhängigkeit von Österreich und die Gründung einer Volksrepublik erklärte. Dieser nun von einer bürgerlich-sozialdemokratischen Koalition regierte Staat war jedoch einem enormen Druck von Außen ausgesetzt, Frankreich leitete eine konterrevolutionäre Allianz aus Rumänien, Serbien und dem neu gegründeten tschechischen Staat, die bald Teile Ungarns besetzte. Da die Regierung die soziale Revolution hinauszögerte, wuchs die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, Bauern und Arbeiter begannen teilweise selbst die Umverteilung des Besitzes an Land und Produktionsmitteln. In dieser Stimmung fasste die aus einer ungarischen Sektion der bolschewistischen Partei hervor gegangene, im November in Russland gegründete Kommunistische Partei nach der Rückkehr von dessen Führern in Ungarn Fuß und gewann mit ihren Forderungen nach Verstaatlichung der Industrien und des Großgrundbesitzes an Beliebtheit. Nach der blutigen Niederschlagung von Grubenbesetzungen durch die Regierung im Januar ging die Polizei gegen die Kommunisten vor und verhaftete die Führung, was deren Beliebtheit noch erhöhte. Im März änderten die bis dahin an der Regierung beteiligten Sozialdemokraten angesichts der außen- wie innenpolitisch immer schwierigeren Situation ihren Kurs und begannen Verhandlungen mit den noch immer inhaftierten Kommunisten, die, so das Kalkül, die einzige Kraft sei, mit der zusammen durch deren Unterstützung in der Bevölkerung und Kontakte nach Sowjetrussland, mit dem ein Bündnis gegen die feindliche Koalition geschlossen werden musste, die Revolution zu retten sei. Bei den Verhandlungen wurde eine Vereinigung der beiden Parteien zu einer Sozialistischen Partei sowie die Gründung einer revolutionären Räteregierung durch diese beschlossen. Im April fanden die Wahlen für die Räte statt. Die Regierung beschloss bald Gesetze zur Umwandlung der Wirtschaftsordnung. Banken, Unternehmen ab einer bestimmten Größe, Versicherungen und Großgrundbesitz wurden ohne Entschädigung verstaatlicht, Reallöhne der Arbeiter um ein Viertel erhöht, der Achtstundentag sowie eine kostenlose Gesundheitsversorgung eingeführt, Mieten von Kleinwohnungen um 20 Prozent gesenkt.
Inmitten dieses scheinbaren Kopfstandes der Welt lag einer in einem relativ gemütlichen Bett in einem Viertel Budapests und starrte nachdenklich an die Decke.
Es war ein Schreiber, der unter der mit wenigen Ausnahmen noch hellweißen Federdecke lag, die er nicht etwa durch den Verkauf eines Textes, sondern eine wohl gelegene kleine Erbschaft erworben hatte.
Diesem Schreiber fiel in ebendiesem starrenden Moment seine Figur ein. Wobei es vielmehr zuerst eine Rolle war, ein Welt-Stand, der alles Weitere nach sich zog.
Aus dem Fenster war vom Bett aus nur ein kleiner Teil der Welt zu sehen. Dieser aber sollte den Anfang der Geschichte bilden, schließlich diente er dazu ebenso gut wie jeder andere Ausschnitt.
Da ging es mit einem Sprung, der so gewaltig war, als sei man ebendorthin geworfen, durch das Fenster geradewegs auf das Dach vor diesem, auf dem man landete und plötzlich sicher stand.
Aus der unten liegenden Stadt strömte es in allen Kategorien, man roch Petroleum, vielleicht naher Leuchter, die aufgrund der momentanen Elektrizitätsrestriktionen wieder verwendet wurden, Lavendel und vernahm ein Blitzen von tausend Reflexionen.
Da stand auch auf einem ganz gleichen, aber spiegelverkehrten Dach, mit also spiegelverkehrtem Blick in spiegelverkehrten Bildelementen, auch eine andere Figur, in einem viel klareren Licht aber, ungetrübt von jedem Schatten und jedem Nebel. Diese ging schweigend durch ihre Welt, und dachte sich zu allem einen Begriff aus. Und gleich wie sie zu den Bildern um sie fühlte oder empfand, gab es diese Gefühle und Empfindungen fortan nur mehr in dieser sprachlichen Form. Und nur in dieser Form waren sie überprüfbar und anwendbar, in stets neuen Bewegungen in die situativen Räume.
Die Figur verfügte dabei über eine wunder-schöne Macht, sie malte sich die Welt um sie in einem selbst gesetzten Farben-Sturm.
Wie gerne hätte man, umweht und fast erhoben von dem starken Wind unter der aufgehenden Sonne um einen herum, geschrien, mit einem langen, ununterbrochenen Ruf gegen die Stadt hin, zu dem sich die eine oder der andere kurz verärgert umgedreht und den Kopf geschüttelt hätte.
Das aber ging nicht, nur ein Stottern kam wie immer zuletzt, wonach sich niemand umgedreht hätte.
Das Stottern war da seit der Front, seit jenen Bildern, die nicht wegzuwaschen waren. Seit jenen Tagen als Sanitäterin, während derer man genug gesehen hatte fürs Leben. Genug Gebein.
Es war klar, man wurde von ihnen allen wie ver-rückt gesehen. Männer waren Stotterer, auch wenn sie dann, wie manche sagten, nicht mehr männlich waren. Aber Frauen, Frauen könnten keine Stotterer sein, sie hätten schließlich nicht gekämpft. Man täusche es also wohl vor, und wer täusche so etwas vor als eine Verrückte.
Noch immer auf dem Dach stehend, den Blick auf den Abgrund unten gerichtet, kam plötzlich die Erinnerung wieder. Heute morgen hatte man in der Zeitung gelesen, dass heute am Hauptbahnhof der Stadt eine große Zahl ehemaliger Kriegsgefangener aus Russland ankommen würde. Es waren dort zwar nicht die Namen aufgelistet gewesen, aber man hatte sofort gewusst, dass man würde hingehen wollen, ja müssen, um herauszufinden, ob er darunter sei.
So wendete man sich von dem Bild der Stadt dort unten ab, kletterte einige Sprossen zu einer Dachterrasse, von wo aus eine Treppe auf die Straße hinunter führte und dann eine Straße zum Bahnhof.
Dort angelangt drängte man sich dicht an dicht mit all den anderen Hoffnungsvollen, mit denen man im Schatten der aus der Bewegung ausgelaufenen Maschine stand, und riss den Blick unermüdlich umher zwischen den aus dem Zug Aussteigenden, ob darunter vielleicht der Verschollene sei.
Eben dieser Zug stand eben so im Dampf der gleichen Bild-Elemente vor der Figur. Diese dachte da etwa diese Rede des Vorsitzenden der Räteregierung:
Die angeheizte Lokomotive der Revolution ist von Petrograd abgefahren. Wir wissen nicht, wann sie ankommt, aber es wird Aufgabe jeder sozialdemokratischen Partei sein, an diese Lokomotive ihren eigenen großen Waggon anzukoppeln. Die bourgeoise Gesellschaft fühlt, daß es sich hier nicht nur um eine bürgerliche, sondern auch um eine soziale Revolution handeln wird.3
So fand diese Rede den Weg in die auf die Lokomotive gerichtete Anschauung dieser Maschine. Was, wenn auch dieser Zug denken konnte? Vielleicht tat er es. Fast hätte man meinen können, das wilde Schnauben zeuge von einem Schmerz der Maschine. Und wer hätte das schon mit absoluter Sicherheit abstreiten können? Vielleicht war das Denken nichts als ein Instrument.
Währenddessen waren viele bereits in ihren verdreckten Uniformen an einem vorbei geströmt, ohne das er darunter zu finden gewesen wäre. Da aber, war dieser es nicht, der da etwas bitter geraten auf sie zu lief? Er musste es sein. Man hielt ihn an und versuchte, eine relativ strahlende Miene hinzubekommen, damit er einen erkenne. Er blieb auch stehen, und neben ihm noch einer, der wohl dazu gehörte, und sah einen an.
Die Fortsetzung erfolgt in Teil 2.
An dieser Stelle sei der Vollständigkeit wegen angemerkt, dass die Quellenlage trotz umfangreicher Editionsarbeiten die letzten Zweifel, ob es sich be diesem mechanical turk nicht doch um eine nachträgliche Schaffung einer, möglicherweise ironischen, anderen Künstlichen Intelligenz gehandelt haben könnte, die diesen (dann Mythos) in die Welt gesetzt hätte, um den Menschen zu täuschen oder zumindest zu verwirren (, vielleicht zu trösten.)
Prä-Text: Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen; Medium: Verlag „Suhrkamp”, 9. Auflage 2019, S. 150, 158, 160, 170.
Reflexion am 25.11.1917; Prä-Text: Geschichte der ungarischen revolutionären Arbeiterbewegung. Von den Anfängen bis 1962; Medium: Verlag “Dietz“, Berlin 1983, S. 107 f.


