Die Reihe KeineGegenwart fragt nach dem Erben von Zeit. Teil 2 dreht sich um die Frage, wie Befreiung gelingen kann.
Berlin, 1919
Die Bleistifte und Schnürsenkel waren nur Tarnung, die aber alle durchschauten. Scham fühlten sie trotzdem.
Manabendra konnte nur warten. Er war alleine in Berlin, Ozeane entfernt vom Ort seiner Kindheit.
Als er aus dem Zug gestiegen war, hatte das Elend unter dem Schnee gelegen.
In den Straßen reihten sich die Kriegsversehrten. Vor ihnen hatten sie kleine Dinge auf den Boden gelegt, Bleistifte oder Schnürsenkel, damit es so aussah, als verkauften sie etwas, denn betteln war verboten.
Borodin hatte sich noch immer nicht gemeldet, und er musste dringend Geld überweisen. Also wandte er sich an eine Bank, die dieser ihm für Notfälle genannt hatte. Aber konnte man dem Angestellten, auf den er zutrat, vertrauen?
Wien, 1930
Fünf Farben hat die Welt: Landwirtschaftlich-grün liegen Kanada, die Sowjetunion oder Südafrika da; ackergarten-braun südlich davon „Ostasien“ und der „Orient“; und um den Äquator herum riesige Flächen in gelb und blau, je nach Grad der Plantagenwirtschaft. Die übrigen beiden Bereiche sind orange: die USA und Europa: „überwiegend Industrie.“
Wien war Zwischenwelt – hier lebten Händler*innen aus Galizien jenseits der Karpaten neben Arbeiter*innen aus Prag; hier bedeckten Paläste die Karten, obwohl das Land zum Bittsteller geworden war; hier hatten Pinsel und Schreibmaschinen vor dem Krieg den Menschen so sehr auseinandergezogen, bis er Fratze war nur, Knochen, Haut und Angst – oder Gesamtkunstwerk.
Auf der Karte von 1930 aber ist Wien schlicht Europa – oder genauer „West- und Mitteleuropa.“
Otto Bauer, Außenminister der Rumpf-Republik, zu der Österreich nach dem Außeinanderbruch der Habsburgermonarchie wurde, hatte 1919 in einer Rede in seinem Wahlkreis versucht, die schwierige Situation zu erklären.
Wir hatten gegen uns den Hass, den wohlverdienten Hass, den die alte Monarchie und den ihre bürgerliche Gefolgschaft während des Krieges bei den anderen Nationen, bei den Nachbarvölkern geerntet hatten.
Wien, das lange Zentrum eines riesigen Reiches von Böhmen bis zur Bokowina, von Polen bis nach Bosnien gewesen war, war nun Opfer geworden. Gegenüber der neugegründeten Tschechoslowakei, die einen Großteil der Industrie des Habsburgerreiches geerbt hatte, saß das Land am kürzeren Hebel, als es um die Frage der Kohleversorgung im Winter ging. Und aus diesem Zustand gebe es nur einen Ausweg, fand Bauer, und mit ihm viele andere: den Anschluss an Deutschland.
Wenn man uns zwingt, allein zu bleiben, werden wir Lebensmittel und Kohle bezahlen müssen mit allen Reichtümern unseres Landes, es werden die Bergwerke, Industrie, die Forste dieses Landes in die Hände fremder Kapitalisten übergehen und wir werden im Dienste fremder Kapitalisten ein Leben der Knechtschaft und der Not und des Elends führen.
Was die Monarchie lange Slowak*innen oder Slowen*innen verwehrt hatte, fordert er nun für Österreich: die Selbstbestimmung der Völker.
Die Karte ist Teil des „Atlas Gesellschaft und Wirtschaft“ von Otto Neurath. Die 100 Bildtafeln reichen vom Mongolenreich über aktuelle Regierungsformen in Europa bis hin zu Statistiken zu Gewerkschaften, Arbeitslosigkeit – und Kolonialwaren: Kautschuk, Tee, Baumwolle, Erdöl.
Ottos Bilder sollten den Massen die Welt sichtbar machen. Die geraden Linien und klaren Flächen lösten Formen ab, deren Funktion die Autorität über Welt-Anschauungen durch Herrschaft über die Vergangenheit gewesen war: Die Ornamente des 19. Jahrhunderts, die Ubahnhöfe wie Bilderrahmen zierten, waren Zitate, die nicht zukunftsgewandten, sondern bewahren wollenden Menschen dienten. Die Technik begrüßten auch diese, denn sie brachte neue Macht; Welten, in denen alle sich wohl- und zuhause fühlen konnten, wollten dagegen nicht alle.
Nur weil etwas neu ist, ist es das noch lange nicht für alle.
Als Rotes Wien wird die Herrschaft der Sozialdemokratie in der Hauptstadt der österreichischen Republik zwischen den Weltkriegen bezeichnet, die viele nun als überproportional groß empfunden. Wien wurde eigenes Bundesland, wodurch es Steuern erheben konnte. So finanzierte die Stadtregierung die Konstruktion von über 65.000 Wohnungen in Gemeindebauten mit erschwinglichem Mietzins - allein im berühmten Karl-Marx-Hof wohnten 5.000 Menschen. Sie wollte aber auch Tuberkulose bekämpfen oder Kindergärten bauen. Die Arbeiter*innen Wiens sollten „Bauvolk der kommenden Welt“ werden, dem ein würdiges Leben ermöglicht werden sollte. Ein gigantisches Projekt, von dem die Bevölkerung Wiens bis heute profitiert - sozialer Wohnungsbau ist hier nicht abwertend gemeint. “Sozial” wird eben wörtlich genommen: die Bauten sind Teil der Regelung der Beziehungen zwischen den Menschen.
Die Protagonist*innen des Roten Wien schrieben sogar voller Empathie über die Unabhängigkeitsbewegung in Indien. 1930 verkündete etwa Der jugendliche Arbeiter:
Nach China beginnt nun auch Indien am Unterdrückerjoch seiner imperialistischen Herren zu rütteln: die Welt des Orients wirft die Ketten der Bevormundung ab.
Die kolonialen Verhältnisse werden in dem Atlas trotzdem nicht sichtbar. Diese konnten nur die in ihnen Festgeketteten selbst überwinden.
Dabei konnten die Menschen in Wien diese Verhältnisse nachlesen. Die linksliberale Zeitung Der Tag druckte 1932 ein Kapitel aus einem Buch des französischen Journalisten Louis Rouband ab, in dem dieser die Zustände in einer Miene in Vietnam schildert. Er beschreibt die Gewalt der Aufseher gegen die Arbeiter*innen, die in einem System namens „Indentur“ zur Extraktions-Arbeit gezwungen werden. Aus diesen Arbeitsverträgen gibt es kein Entkommen. Es ist eine Form der Sklaverei, in der die Fiktion aufrechterhalten bleiben soll, dass es ein einfaches Lohnverhältnis sei.
Rouband folgt mehreren dieser Geknechteten, die für Europas Konsum und den Reichtum von Unternehmen ihr Leben fristen. Da ist etwa Thi-Ba.
Zu viele Jahre arbeitet sie schon, gleich tausenden ihrer Kameradinnen, in einer der Fabriken, deren Schlote den Himmel zerreißen. Zehn Stunden täglich verbringt sie zwischen Kesseln, zwischen Maschinen, zwischen Riesenkämmen und Spulen.
Eines Morgens fehlt eine Spule Baumwolle. Der französische Aufseher gerät in einen Wutanfall und beschuldigt die Arbeiter. Thi-Ba versucht, vor ihm wegzurennen, aber vergebens.
Die Kleine hatte sich zu Boden geworfen. Ihre mageren Arme hielt sie übers Gesicht gebreitet. Mit wenigen Schritten war Therefaux bei ihr und versetzte ihr einen Fußtritt in den Unterleib. Die Kleine blieb unbeweglich auf der Erde liegen, die Augen geöffnet, das Gesicht regungslos.
‚Ich werde dich lehren, die Tote zu spielen. Willst du aufstehen… und sofort…
Er trat weiter auf sie ein und hielt erst an, als er sah, dass das Mädchen wirklich ohnmächtig war.
Aber auch nach innen war das Rote Wien nicht gleich gegen alle eingestellt. Deutlich wird dies am Antisemitismus, der vor dem Krieg unter dem christsozialen Bürgermeister Lueger die Stadt tief geprägt hatte.
Der Großteil der jüdischen Bevölkerung im Wien der Zwischenkriegszeit unterstützte die Sozialdemokratie, auch wenn manche eher aus Opposition vor Luegers Christsozialen, von denen sich viele der Kleinunternehmer*innen oder Händler*innen unter ihnen eigentlich eher hätten vertreten gefühlt.
Aber auch unter den neuen Wiener Herrschenden kam es zu Ausgrenzungen und Abwertungen insbesondere gegenüber galizischen Jüd*innen. Als die sozialdemokratische Arbeiter-Zeitung 1919 schrieb, die von den Kommunisten organisierte Mai-Demonstration habe einen „sehr starken galizischen Einschlag“ gehabt und anmerkte, die „Rote Fahne“ sei auf Polnisch gesungen worden, antwortete die sozialistisch-zionistische Freie Tribüne:
An dem Tage, der die Verbrüderung der Proletarier aller Völker bekunden soll, hat es die ‚Arbeiter-Zeitung‘ für angemessen erachtet, an die Instinkte des finstersten Mittelalters zu appellieren.
Der Hudson fließt glitzernd blau unter Stahl- und Betonkulissen, überragt von Bogenbrücken. Zwei Männer in neongelber Weste und weiß behelmt verschränken die Arme und lächeln in die Kamera – selbstbewusst. Sie sind Teil von etwas: Nicht allein einer Stadt, für deren Flutschutz sie sorgen, sondern durch ihre Präsenz auf dem Instagram-Kanal des Bürgermeisters auch einer Bewegung.
Zoran Mamdani’s Bewegung will das Leben in New York bezahlbarer machen, wobei sie wie das Rote Wien die Wohnungs-Frage in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellt. Aber sie will den Menschen auch Lebensfreude schenken, indem sie Vielfalt feiert und den Menschen das Gefühl vermitteln will, Teil von etwas zu sein, Dinge bewegen zu können. Das „Wiener Modell“ dient in New York aktuell tatsächlich als Vorbild. Und doch brauchen auch Bewegungen Arbeitsteilung. Wir müssen uns finden können in Menschen, die ihre Zeit dafür nutzen, voranzuschreiten.
Slavoj Žižek schrieb im Freitag, Mamdani habe sich erfolgreich den American Dream angeeignet – die Immigrant*innen seien die einzigen authentischen Träger dieser Idee.
Der Prozess der Aneignung ist ein anderer als jener der Ablehnung, der Zerstörung. Er anerkennt ein Potential, eine Ambivalenz, wenn die Stellschrauben gedreht werden würden. Seine Akteur*innen beteiligen sich an dem Spiel, das viele Dialektik genannt haben: Neues wird erschaffen aus Widersprüchen, aus Konflikten.
Heute muss Neues präservieren, um das Leben zu erhalten. Entsprechend schließt die Unterschrift des Videos mit dem Satz:
We’re not just preparing for the storm of today, but the storm of tomorrow.
Taschkent, 1920
Alle Häuser lagen zerstört. Manabendra Nath Roy, geboren in Bengalen, stand am Bahnhof einer Geisterstadt.
Die Bolschewiki waren dabei, Zentralasien unter ihre Kontrolle zu bringen. Taschkent diente dabei als strategisches Zentrum. Hier gab es eine Industriearbeiterschaft, die wie in Petrograd die Macht an sich gerissen hatte. Für sie gab es zwei Formen der nationalen Selbstbestimmung. Jene, in der das Proletariat an die Macht kam – und jene, in der andere Kräfte eine Unabhängigkeit ausriefen. Letztere Formen, so sah es Manabendra, mussten bekämpft werden. Später schrieb er:
In the capital of the colonial empire of the Tzars, the revolution did not have to wage a civil war in the military sense. It had to wage a war, on the one hand, against wanton ravage, disorder and chaos left behind by the old regime and on the other, against the apathy of the masses of the native population, disturbed by the enthusiasm of a few inspired by the new vision of freedom, against the sullenness of others who doubted the intention of the new regime and the ill-concealed hostility of the Mullahs who sought to incite religious fanaticism against the Bolshevik infidels.
Seine Mission aber sollte ihn noch weiter führen, oder vielmehr zurück zum Ursprung seiner Reise: Indien lag vor den Grenzen.
Für einen Moment war er zurück in Berlin. 1919, im Schnee.
Der Bank-Angestellte, dem er hatte vertrauen müssen, war Sozialdemokrat. Manabendra zweifelte an der Gesinnung dieser Leute. Der Fremde hatte sich aber schnell als Sympathisant seiner eigenen Überzeugung herausgestellt: des Kommunismus. Schnell hatten die beiden sich angefreundet, und bald traf Manabendra in dessen Wohnung Größen der Sozialdemokratie wie Bernstein, Kautsky oder Hilfferding. In seiner Autobiographie würde er sich später an diesen Moment erinnern:
I was struck by their humanness. There was neither malice nor rancour in their criticism of Communism. While they were rather contemptuous of what they called Liebknecht’s ‘melodrama,’ Luxemburg commanded their admiration. They all believed that she would never embrace Bolshevism, which they characterised as a new type of oriental despotism. As a matter of fact, the differentiation between Socialism and Communism was not yet sharp amongst the pioneers of the German revolution. An intellectual brotherhood, they cherished a common ideal – social liberation of the working class. Learned men of high culture and refined taste they kept their personal relations and social intercourse on the intellectual and humanist plane, untarnished by party politics. A good-humoured mutual tolerance held them together even when conflicting loyalties were pulling them apart.
Er hatte aufgehört, die Grenzen zu zählen: jene, die er schon überschritten hatte, und jene, die es noch niederzureißen galt.
Er hatte im Weltkrieg versucht, an deutsche Waffen für einen Aufstand in Indien zu gelangen, anschließend mehrere kommunistische Parteien mitbegründet und war nun auf der Flucht vor dem britischen Geheimdienst.
Nach dem nächsten Weltkrieg änderte Manabendra seine Meinung. Selbst wenn er ihm in bestimmten Fragen widersprochen hatte, war er Lenin über Jahre hinweg in dessen Grundannahme gefolgt: Der Marxismus könne nur zum Erfolg gelangen, wenn eine revolutionäre Vorhut in Zeiten der Krise die Massen anführte, indem sie die Macht an sich riss.
Nun aber kam er zum Schluss, dass machthungrige Politiker die Bedingungen für Unfreiheit schufen. Er war sich sicher, dass Menschen stets gegen Systeme rebellieren würden, die ihren Wunsch nach Frei- und Gleichheit enttäuschten.
Ein wahrhafter Anführer müsste sich überflüssig machen, indem er die Menschen in die Lage versetzte, sich selbst zu regieren.
1921, nachdem sein Versuch gescheitert war, die Revolution nach Indien zu exportieren, indem er eine Armee von Exil-Indern von Zentralasien über den Hindukusch ins seine Heimat hatte schleusen wollen, hatte er schon verstanden: Er hatte falsch gelegen. Es waren nicht die Waffen, die den Unterschied machten. Es waren die nur sporadisch sichtbaren Netze, die sich zwischen den Menschen um den Globus zogen. Es waren die Möglichkeiten, sich die Umwelt anzueignen.
Jetzt lag die Welt geteilt in zwei Machtblöcke, dessen eine Schaltzentrale jene Stadt war, in der er einst Lenin getroffen hatte, nachdem er es geschafft hatte, die alliierte Blockade zu durchbrechen. Von Taschkent, als er noch die Gewalt gegen jene legitimiert hatte, die die Bolschewiki nicht über sich wollten, war es ein langer Weg gewesen, um hier anzukommen: in der Überzeugung, dass Freiheit nicht aufgezwungen werden kann, sondern aus Kämpfen entsteht, für die eigene Würde, für die eigenen Träume.
Die Aneignung läuft stets Gefahr, zu einer Bedingung zu werden, die sich andere wieder aneignen müssten, weil sie in ihrer Selbst-Bestimmung gehindert werden.

Emanzipation ist immer An-Eignung. Hinter Strukturen, seien es Infrastrukturen oder Ideen, führt kein Weg der Befreiung zurück – sie sind Werkzeuge, Waffen, also notwendig im Kampf um die Zukunft. Aber die Methoden der An-Eignung müssen alle mitnehmen, damit sich niemand vom neu Aufgerichteten wieder emanzipieren muss. Dass das ein schwieriger Pfad ist, durch unkartografiertes Gelände, wissen wir alle.
Die Geschichte gibt es nicht. Strukturen transformieren sich – alles ist geerbt.
New York ist heute Zwischenwelt, aber anders als Wien 1918 nicht in Zwischenwelten, sondern von ihnen, denn die Vereinigten Staaten von heute sind natürlich in einer fundamental anderen Lage als Österreich damals. Die Hoffnung trägt es trotzdem weiter – vielleicht sogar gerade deswegen.
Da alles geerbt ist, ist Aneignung ein Versuch von Gerechtigkeit. Nicht Scham, sondern Freude müssen Menschen empfinden dürfen – über Erfolge, an denen sie selbst mitwirken konnten.
Weiterführende Literatur
Wien Museum Katalog, Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.
Choi Chatterjee: Imperial Subjects in the Soviet Union. M.N. Roy, Rabindranath Tagore, and Re-Thinking Freedom and Authoritarianism, Journal of Contemporary History, 2017, 52 (4), S. 913-934.


