Die Reihe KeineGegenwart fragt nach dem Erben von Zeit. Teil 1 dreht sich um die Ambivalenz von Ideen.
Kurz verrutschen die Gedanken, als eine besonders starke Welle den Rumpf des Schiffes trifft.
Bald werden sie anlanden an einem Kontinent, dessen Grenzen sie verschieben helfen sollen, obwohl sie sie nie überquert haben.
Gerade hatte er die Formulierung noch, jetzt ist sie verschwunden. Warum diese Bewegung des Schiffes gerade in diesem einen Moment?
Aber was ist eine Welle? Es gibt nur das Meer, das sie zu ihrem Auftrag trägt.
Frankreich wartet. Seine unbekannte Heimat. Wenn da nicht dieses Stechen wäre ganz tief in den Gedanken: diese eine Frage, die sich seit Beginn seiner Reise im Frühjahr 1943 immer weiter vorgearbeitet hat.
Ganz Europa eine Farbe.
Die Mittelwelten tragen Fragezeichen: die Türkei, Äthiopien und Thailand.
Ansonsten ist alles vermessen, hat alles eine Schraffur, Querstreifen für das russische, hochkante für das britische “Bundesreich”, Punkte für Ostasien, und Schwarz für den Rest, eine gigantische Fläche vom Nordkap bis nach Madagaskar, von Surinam bis Neuguinea.
Die Karte ist Teil einer Vision, deren Name Programm ist: Paneuropa. Der Kontinent, der seit 1914 in Kriegen verwüstet liegt, zunächst zwischen den Imperien, dann den Nachfolgestaaten, ist hier vereinigt, zumindest bis zu einer recht geraden Linie im Osten. Ebenso zusammengeschlossen aber ist das von den in dieser Phantasie gemeinsam arbeitenden Staaten kolonisierte Gebiet.
Für ihren eifrigsten Verfechter, Richard Coudenhove-Kalergi, Sohn einer japanischen Mutter und des österreichisch-ungarischen Botschafters in Tokio, der 1922 die Paneuropa-Union gegründet hatte, ist die Idee ein Versprechen, eine Utopie fast:
Der Sinn Paneuropas liegt in der Erneuerung unseres Erdteiles, nicht in der Zusammenfassung verfaulter Gebilde zu einem riesigen Leichnam. Wer ein solches totes, mechanisches Paneuropa will, mißversteht den Sinn unserer Bewegung, die alle guten und lebendigen Kräfte unseres Erdteiles mobilisieren will gegen die faulenden Reste einer abgestorbenen Welt, die mit ihren Giftstoffen das neue, größere und hellere Leben bedroht, das sich dem Chaos der Weltkrise entringt.
Ihm ist die Gefahr bewusst, die in seinen Gedanken liegt:
Paneuropa soll den Völkern Europas gehören; es soll Friede, Freiheit und Wohlstand bringen und darf weder Kaserne noch Sklavenmarkt sein. Es darf darum nicht mißbraucht werden zu imperialistischer Einkreisung unserer Nachbarn oder zur Hegemonie einer gewalttätigen Minderheit.1
Zu den eingekreisten Nachbarn zählen offenbar Russland oder die Türkei, nicht aber die Kolonien.
Besonders Afrika ist in diesem Modell nicht Heimat souveräner Entitäten, sondern ideales Gegenstück zu Europa: Europa soll Zugänge zu Rohstoffen erhalten, Afrika zu Märkten. Außerdem soll das Konzept eine “Lösung“ des “Bevölkerungsproblems” liefern: Menschen aus dem “überbevölkerten” Europa sollten das “unterbevölkerte” Afrika besiedeln und dabei unwirtliches Land erschließen und die Bewohner*innen des Kontinents unterrichten.
“Eurafrika” nannten die Anhänger*innen Paneuropas – und viele andere in den 1930er Jahren – diese Verbindung. Es war nichts anderes als eine Kollektivierung des Kolonialismus.
Eine Idee bedeutet immer unterschiedliches, je nachdem, welche Funktion sie dir zuweist.
Pressemitteilungen erregen selten tiefe Emotionen. Ihre Formeln sind Kompromisse, ihre Kälte kalkuliert. Man muss sie übersetzen.
Heute wird ein Großteil Europas von einer Stimme re-präsentiert. Die Kommissionspräsidentin erklärte im Juni 2026:
Wir können es uns nicht leisten, bei den Technologien, die den Betrieb unserer Krankenhäuser, die Stabilität unserer Energienetze und die Sicherheit unserer Dienste gewährleisten, von anderen abhängig zu sein. Es geht darum, unsere Bürgerinnen und Bürger zu schützen, unsere Interessen zu verteidigen und unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.
Wer aber kann sich das leisten? Die Staaten in West- und Zentralafrika, die trotz zahlreicher gegenteiliger Ankündigungen aus Paris noch immer wirtschaftlich unter dem kolonialen Erbe leiden, etwa weil ihre Währungen über den CFA-Franc an den Euro gebunden sind, was ihre geldpolitische Souveränität einschränkt? Die Arbeiter*innen, die den Kaffee ernten, der in den Röstereien in Deutschland verarbeitet wird, wo die meiste Wertschöpfung geschieht, während Importzölle diese hierarchische Arbeitsteilung aufrechterhalten helfen?
Wann wird es wieder Platz geben für globale Interessen-Vertretungen, wie sie zur selben Zeit, in der “Eurafrika” imaginiert wurde, in Brüssel tatsächlich versucht wurden? Wann wird Unabhängigkeit wieder für alle angestrebt, nicht nur für einen selbst?
Die Wellen überlagerten sich, zerborsten in Partikel an Möglichkeiten: Das Türkis der Karibik begleitete ihn beständig, selbst hier im herbstlichen Mittelmeer des Jahres 1944.
Wasser war nie unschuldig gewesen. Es war Verbindungsfläche, für Sklaven- wie Zuckerschiffe.
Europa war vieles. Es war Austragungsort der Revolution, und viele Zeilen waren hier geschrieben worden, die ihn getragen hatten hierher bis an seine Küste. Aber eines war es für ihn in den letzten Wochen allem anderen voran geworden: Es war nicht nur Herrin über die Karten der Welt, sondern auch der Schranken im tiefsten Innern jedes Einzelnen. Es war Schaltzentrale der Grenzlinien: zwischen Hautfarben, Religionen, Kontinenten und Klassen.
Sein Geist zog hin zu seinen Eltern, zuhause, in Martinique. Mit 17 war er aufgebrochen, heimlich, um sich den Truppen de Gaulles anzuschließen. Die Einstellung seines Lehrers hatte ihn abgestoßen: Wie konnte dieser behaupten, das Geschehen in Europa gehe sie nicht an? Dass es für sie Schwarze gar ein Segen sei, wenn Weiße sich gegenseitig abschlachteten?
1945, mitten im blutschneebedeckten Europa, würde er einen Brief an sie schreiben, die ihn davon hatten abhalten wollen, für Frankreich zu den Waffen zu greifen.
Wenn ich nicht zurückkehre, wenn ihr eines Tages von meinem Tod durch die Hand des Feindes erfahrt, tröstet euch, aber sagt niemals: er ist für eine gute Sache gestorben.
Er schloss seine Nachricht mit Worten, die alle durchleben mussten, die Europas Worten Glauben geschenkt hatten:
Ich habe mich geirrt!
Der Rassismus in der französischen Armee und der Gesellschaft, die er zu befreien half, hatten seinen Blick geöffnet.
Frantz Fanon lernte in diesem Krieg, dass Ideen nicht neutral sind. Sie sind Waffen in Kämpfen um Macht.
In seinen Verdammten dieser Erde, publiziert Jahre nach dem Weltkrieg, unter dem Eindruck der Unabhängig-Werdung Algeriens, würde er beschreiben, dass der erste Schritt zur Befreiung die Eroberung der Gegenwart war.
Der Kolonialherr macht die Geschichte und weiß, dass er sie macht. […] Die Unbeweglichkeit, zu welcher der Kolonisierte verdammt ist, kann nur dadurch in Frage gestellt werden, dass der Kolonisierte beschließt, der Geschichte der Kolonisation, der Geschichte der Ausplünderung ein Ende zu setzen, um die Geschichte seines Landes, die Geschichte der Dekolonisation beginnen zu lassen.
Die Geschichte gibt es nicht, es gibt nur Strukturen, eingeschlossen die Erzählungen darüber.
Er musste immer träumen, denn nur so konnte Veränderung beginnen. Der Kolonialismus hatte die Welt in Abteile getrennt, deren Grenzen die Kolonisierten lernen sollen nicht zu überschreiten.
Deshalb sind die Träume des Eingeborenen Muskelträume, Aktionsträume, aggressive Träume. Ich träume, dass ich springe, dass ich schwimme, dass ich renne, dass ich klettere. Ich träume, dass ich vor Lachen berste, dass ich den Fluss überspringe, dass ich von Autorudeln verfolgt werde, die mich niemals einholen. Während der Kolonisation hört der Kolonisierte nicht auf, sich zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr früh zu befreien.2

Die Geschichte gibt es nicht. Strukturen transformieren sich – alles ist geerbt.
Europa träumt nicht mehr von Eurafrika. Obwohl seine Angst vor “Überbevölkerung” einer Panik vor ihrem Gegenteil gewichen ist, macht es das Mittelmeer zur Todeszone.
Schaltzentrale der Grenzlinien ist es noch immer: Waren wie Menschen lässt es nur selektiv zirkulieren.
1 R. N. Coudenhove-Calergi: Kampf um Paneuropa, Paneuropa-Verlag 1925.
2 Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp 2015.


