1927 trafen sich in Brüssel Vertreter*innen der kolonisierten Welt. Ein Jahrhundert später scheint globale Solidarität fast unmöglich geworden. Antiimperiale Lego-Welten sind kein Ersatz für echtes Miteinander. Freiheit lässt sich nicht herbeirendern. Sie lässt sich nur erstreiten. Dafür braucht es neue Ideen von Re-Präsentation.
Paris 1939
Der Citroën war tiefschwarz unter den schneebedeckten Gipfeln hervorgebrochen – Ignaz, polnischer Genosse der Anfänge, wurde von den Händen, die ihn von der Straße hier in seinem Versteck tief im Schweizer Wallis gerissen hatten, mit zahlreichen Kugeln durchlöchert wieder aus dem Wagen geworfen. Er hatte es gewagt, den obersten Re-Präsentanten der Revolution nicht mehr als solchen anzuerkennen.
Paris war das Gegenteil des abgeschiedenen Gebirgstals, die Hauptstadt einer Republik der Hoffnungen, die widerspruchslos über ein Imperium an Enttäuschungen herrschte, war doch der gleißende, ewig wache Mittelpunkt der Welt – zumindest vieler. Vielleicht war man hier sicherer, in der Höhle des Löwen, den zu besiegen man sich zur Lebenslaufgabe gemacht hatte, in deren Dunkelheit man aber doch gleichzeitig nach der Kraft suchte, die der Kampf verlangen würde – in der Modernität dieser Straßen hatte schon für frühere Generationen die Verheißung der Befreiung von ebendieser versteckt gelegen. Genosse Senghor hatte diese Suche das Leben gekostet, als er nach seiner Teilnahme am Kongress in der Stadt des Lichts verhaftet worden war und im Gefängnis an Tuberkulose starb. Und auch nach Willis eigener ersten Reise hierher, im September ´32, war die Menge, die nach seiner Rede über Faschismus und Kriegsgefahr in dem vollkommen überfüllten Saal, in dem auch die Genossen Barbusse, Rolland und Gorki gesprochen hatten, von der Polizei angegriffen worden.
Das Hotelzimmer lag in Schatten. Willi saß wie immer vor seinen Texten – seit ´33 hatte er mehr als 50 Werke herausgeben können –, während draußen die Nacht über den Künstlercafés voller deutscher Flüchtlinge drückte. Noch vor kurzem hatten sie um diese Uhrzeit noch in ihrem Hauptquartier in der Rue Mondétour bei den Markthallen gesessen, das sie oft erst früh morgens verlassen hatten.
Er horchte auf – war das eben kein Knarren gewesen? So als nähere sich jemand ihrer Tür, so langsam aber, dass er nicht gehört werden wollte?
Er war in Frankreich nie mit offenen Armen empfangen worden. Die Regierung erinnerte sich genau an seine Unterstützung für die Bolschewiki im Bürgerkrieg und seine Rolle als Mitbegründer der Liga.
Trotzdem hatte die Stadt ihn von Beginn an fasziniert. Bei seinem ersten Aufenthalt hatten ihn Freunde von der französischen Partei durch die Metropole geführt, in deren Zentrum, gleich gegenüber des Louvre, er in einem altmodischen Hotel untergekommen war.
Durch seine Verbindungen hatte er es geschafft, seinen ursprünglichen Status der Illegalität zu überwinden – auf Kabinettsbeschluss hin erhielt er politisches Asyl.
Willi war Kommunist – für ihn konnte jedes System stets nur daran gemessen werden, ob alles darin eingerichtet war für die Emanzipation der Geknechteten – und zwar ihrer aller. Was machte da schon eine Parteizugehörigkeit aus. Seinen Brief an die Führung bereute er nicht. Kein Wort davon. Seine Errungenschaften zählte er ohnehin in anderen Statistiken: die Arbeiterfotografien in der Arbeiter Illustrierten Zeitung, die Kampagnen gegen die Kolonialgräuel in Syrien, die Demonstrationen gegen Aufrüstung – und für den Sozialismus, das wichtigste, in dem alles zusammenlief.
Schlagartig war er wieder in Moskau – bei seiner letzten Reise vor drei Jahren war alles gekippt. Die Nacht vor der Abreise zurück nach Paris hatten sie damit verbracht, auf das Klopfen der Männer vom Kommissariat zu warten. Und dann war da der schwarze Citroën, pechschwarz in den Bergen.
Die Revolution sendet ihre Programme heute wie damals nicht nur auf mattem Metall in die Körper ihrer Objekte: wo sie früher auf Pamphleten und Radios lief, rendert sie heute knallbunte Welten.
Hamburg 2026
Der Mond wirft die hochgereckte Faust über der dunkel gestreckten Landschaft in Schatten. Gebirge strecken sich anthrazitblau weit hinter der Figurengruppe im Vordergrund. Vor ihnen ragt ein hellroter Knopf in die Dunkelheit – call to action über Leben oder Tod. Sie sind im Begriff, ihre Brüder und Schwestern zu rächen, deren Opfer in die steinernen Gesten hinter ihnen gebannt ist: die Toten des Massakers im südvietnamesischen My Lai, verübt von der US-Armee im März 1968.
Die Figuren sind Teil eines Videos der Regierung der Islamischen Republik Iran aus dem Jahr 2026, im Bild vertreten durch eine wehende Fahne am linken Bildrand. Ihre gelben Köpfe haben alle dieselbe Form: die einer Spielzeugfigur einer Firma aus dem fernen Dänemark.
Wie damals bringt das US-amerikanische Imperium heute neben billig in Kauf genommenen “Kollateralschäden” Tod über jene, die seine primäre Funktion bedrohen: die Sicherung und Ausdehnung ökonomischer Macht. Und wie damals senden seine Widersacher Texte und Bilder in die Welt, seit jeher Instrumente im Krieg, die billiger sind als Marschflugkörper oder Kohlereservoirs.
Doch wofür stehen die Bilder?
Brüssel 1927. Der Diskurs – Werkzeuge und Träume
Die Spiegel-Regime warfen jede Bewegung, jede Peinlichkeit und jedes Stottern ebenso wie jeden Moment tiefbohrender Ansteckung in dem Fieber, Welten zu bauen, in denen alle leben wollen würden, zurück auf die Kongress-Teilnehmer*innen.
Das Palais atmete einen unbekannten Geist. Wo Fürsten sich versammelt hatten, stritten nun die Völker.
Willi Münzenberg war mehr er selbst als jemals zuvor. Ständig riss es ihn weiter, mit jedem tauchte er in Überlegungen ab, und behielt doch die Zeit aller beisammen. Als er ans Rednerpult tritt, überschlägt sich seine Stimme fast, als er erklärt:
Zum ersten Male treffen sich auf einem Kongreß Delegierte aus den verschiedensten Erdteilen, Vertreter verschiedener Rassen, verschiedener Religionsgemeinschaften, verschiedener politischer Überzeugung, verschiedener Weltanschauung. Nur ein großer, gemeinsamer Gedanke bindet die so verschiedenartigen Gruppen und Kreise, der Gedanke, daß sie als die große Masse der Unterdrückten zusammengehören und daß nur in einer gemeinsamen Arbeit, in einem gemeinsamen Kampf die gemeinsame Not beseitigt werden kann.
Der belgische Kolonialismus durfte nicht thematisiert werden – das ist der Preis, dass die Liga gegen den Imperialismus ihre Konferenz hier abhalten darf. Dabei ist die Stadt mit all ihren Palästen, Denkmälern und Museen wie andere europäische Metropolen ein Knotenpunkt kolonialer Wirtschaft.
14 km entfernt vom Spiegelsaal des Palais d‘Egmont, inmitten des malerischen Tervueren Parks, unweit eines Restaurants, liegt das Kongo Museum. Darin finden Interessierte Gegenstände aus der belgischen Kolonie: Elfenbeinschnitzereien, lebensgroße Figuren der Menschen oder Re-Produktionen ihrer Hütten und Arbeitsbedingungen. Ein zeitgenössischer britischer Reiseführer empfiehlt die schönen Gemälde, die Künstler im Sommer besuchten. Der Park eigne sich hervorragend für Picknicks. Vom Kautschuk, der sie vielleicht dorthin bringen wird, sagt er nichts.
Kautschuk veränderte Europa. Zu Gummi verarbeitet, ermöglichte er etwa den Transport mit Automobil oder Fahrrad. Er wurde zunächst in Lateinamerika gewonnen, dann in Malaysia und – dem Belgisch-Kongo, einem der grausamsten Kolonialregime überhaupt. Schätzungen gehen davon aus, dass die belgische Herrschaft mit ihren Zwangsquoten auf das klebrige Gold bis zu 10 Millionen Tote bringt.
Der Konsum von Gütern aus kolonialen Verhältnissen in Übersee hat in Europa lange Tradition und entsprechend nachhaltige Spuren in den kulturellen Mustern des Kontinents hinterlassen. Kaffeehäuser sind zum Markenkern der Habsburgermonarchie und ihrer Nachfolgerstaaten geworden, in England trifft man sich zum Tee, die Schweiz exportiert Schokolade. Zuletzt ist noch das Öl dazugekommen. Spätestens seitdem die britische Flotte auf diesen Energieträger umgestiegen ist, bestimmt es nicht allein Exportstatistiken, sondern Verläufe ganzer Grenzen. Als sich britische und französische Diplomaten während des Weltkrieges Gedanken um die Zukunft der Gebiete des Osmanischen Reiches machen, erreicht London zuletzt noch eine Änderung der Linie zwischen den Einflusssphären um Mossul herum, wo zuletzt Ölfunde gemeldet wurden.
Aus Berlin, wo er die Fabriken der AEG bewundert hatte, hatte er sich in einem Brief an seinen Vater bereits über diese Konferenz gefreut.
Jawaharlal Nehru, Delegierter aus Indien, steht, nach langer Reise, vor Augenpaaren von China bis nach Syrien, von Mexiko bis Persien, von Südafrika bis zur Tschechoslowakei.
Amritsar war gar nichts im Vergleich zu dem, was sich beim ‚Sepoy Aufstand‘ ereignete. Aber seitdem haben sich solche Dinge noch ständig ereignet, sogar heute sind Schießereien nichts Seltenes, und es ist ein schrecklich häufiges Vorkommnis für zahllose unserer Kameraden und Freunde, daß sie mit und ohne Prozeß ins Gefängnis geschickt werden.
In Amritsar hatte sich im April 1919 eine friedliche Menge versammelt, um gegen die Verlängerung des Ausnahmezustands zu protestieren, der Widerstand während des Krieges hatte brechen helfen sollen. Die Briten schossen die Menschen nieder. Den Aufstand 1857 hatten sie mit massiver Gewalt niedergeschlagen, er beendete die Herrschaft der British East India Company und führte zur Crown Rule. Schätzungen gehen von bis zu 800.000 Opfern auf indischer Seite aus.
Er weiß die Zustimmung der versammelten Welt in seine Worte mit einfließen, als er zum wahren Kern der britischen Herrschaft übergeht:
die systematische Methode, mit der sie die Arbeiter und Bauern vernichtet und Indien zu dem gemacht haben, was es heute ist. Wir lesen in der Geschichte, nicht nur in der alten, sondern auch in der neueren von den Reichtümern Indiens. Indien hat die verschiedensten Völker aus den verschiedensten Enden der Welt durch seinen Reichtum angelockt. Aber wenn man heute nach Indien kommt, dann starrt einem die schrecklichste Armut ins Gesicht.
Indien aber ist vernetzt mit dem Rest der Welt, allein schon durch die indischen Soldaten, die gerade etwa wieder in China stationiert sind. Indiens Unfreiheit berührt also unmittelbar alle anderen unterdrückten Völker.
Natürlich freut er sich über dieses Ereignis. Aber wie tief seine Spuren sein werden, hängt von vielem ab. Die Presse ist jedenfalls nicht auf ihrer Seite. In einem Bericht zurück an die Genossen in Indien vermerkt er:
The English press, so far as I am aware, has given little or no publicity to it, with the exception of some Labour organs. […] This was not surprising as it is the deliberate policy of the big newspapers in the West to suppress and ignore such happenings.
Pressekorrespondenten waren durchaus anwesend, auch jene der großen Nachrichtenagenturen. Aber die Zeitungen druckten die Berichte nicht.
Es liegt also an ihnen, ihre Stimmen über den Erdball zu tragen.
Doch nicht alles läuft reibungslos, bald zeigen sich Lücken in dem Gewebe, das sie über den Erdball legen wollen. Der tiefste Streit bricht über die Korea-Frage aus. Delegierte aus der seit 1910 von Japan unter kolonialer Kontrolle gehaltenen Halbinsel wollen über den japanischen Imperialismus abstimmen lassen, was sowjetische Vertreter allerdings zu verhindern suchen, da sie um die guten Beziehungen zum Kaiserreich fürchten.
Die Delegierten in Brüssel sind nicht allein in ihrem Suchen nach der richtigen Einordnung eines Imperialismus, der nicht in Europa oder Nordamerika sein Zentrum hat, sondern ausgerechnet im östlichsten Asien. Zwei Jahre zuvor schrieb der aus Prag stammende Historiker Hans Kohn, sich zunehmend vom Zionismus abwendend, dem er sich eigentlich verschrieben hatte, in einem Brief an den Wiener Pan-Asiaten Eugen Hoeflich, der für eine Rückkehr von Europas Juden in das wiedererwachende Asien eintrat:
Die Engländer sind mit viel grösserer Grausamkeit gegen die Iren vorgegangen als jemals gegen die Inder, wo alles in allem genommen, ihre Regierung eine viel liberalere als etwa die des türkischen Sultans über die Türken oder die der persischen Hofkamarilla über die Perser. Japanische Grausamkeit in Korea ist von keinem europäischen Kolonialvolk übertroffen worden.
Die unterschiedliche Einschätzung der beiden ist Teil der generellen Zersplitterung der globalen Positionierungen der sich plötzlich in Nationalisierungsstaaten wiederfindenden jüdischen Massen des östlichen Europas. Wie die Arbeiterbewegung generell, grenzten sich auch zionistische Parteien immer wieder neu voneinander ab. In Wien spaltete sich 1920 eine rechte von einer nun linken sozialistischen zionistischen Partei über die Frage der Anfrage zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale ab. Der linke Splitter wird von Moskau aber schließlich ohnehin abgewiesen, da Aufnahmebedingung gewesen wäre, dem Zionismus in seiner Gesamtheit abzuschwören.
An der Konferenz in Brüssel nahm auch ein Vertreter dieser Links-Zionisten teil, Yitzhak Yitzhaky. Aus Palästina überbringt er Grüße an die chinesische Revolution und alle unterdrückten Völker. In seiner Rede erklärt er:
Die palästinische Arbeiterklasse, die gleich Ihnen allen unter dem imperialistischen Druck leidet, reicht Ihnen die Hand im Kampfe gegen den Imperialismus, denn Ihr Leiden ist das unsrige und unser Sieg wird gemeinschaftlich sein.
Er beschreibt Palästina als strategisches Bindeglied der Briten zwischen Indien und Ägypten, wo sich die Völker zu erheben beginnen. Und er benennt die imperiale Politik als eine der Lügen:
Die englische Regierung hat dem jüdischen Volke die Balfour-Deklaration gegeben, und zu gleicher Zeit versprach sie, der arabischen Bevölkerung einen König zu geben. Alle diese Versprechungen dienen nur dem Zweck, durch die jesuitische Politik der imperialistischen Regierung beide Volksteile gegeneinander aufzuhetzen.
Die jüdischen Massen teilten ihr Schicksal mit Afroamerikanern, Chinesen in New York oder Hindus in Kenia. Den Arabischen Kongress aber stellt Yitzhaky als feudal-reaktionär dar, der die Briten nicht bekämpfen würde.
Als die Liga zwei Jahre später, diesmal in Frankfurt, erneut zu einem Kongress rief, war diese Kooperation schon nicht mehr möglich. Arabisch-palästinensische Vertreter protestierten gegen Yitzhakys Nachfolger. Die neue Führung der Liga stimmte der These zu, der gesamte Zionismus sei ein Instrument des britischen Imperialismus. Die sozialistischen Zionisten suchten die Welt zu täuschen, indem sie sich als Vertreter der revolutionären Bewegung darstellten, seien aber bei den Reformisten der Zweiten Internationale besser aufgehoben. Deren Parteien unterstützten tatsächlich eine humanere Form imperialer Strukturen, keine radikale Auflösung derselben.
Die ursprüngliche Offenheit, das unverbindliche Zusammenkommen für den gemeinsamen Kampf, war einer schärferen Kontrolle und einem Ton der Kälte gegen jene Mitglieder gewichen, die den Vorstellungen der Leitung nicht entsprachen. Es war unschwer zu erraten, wer hinter diesem Kursschwenk steckte. 1928 hatte die Komintern ihre neue Linie beschlossen: Klasse gegen Klasse.
Nehru wendete sich enttäuscht ab. In einem Brief an die Leitung der Liga erklärte er, dass der ursprüngliche Konsens, dass keine Mitgliedsorganisation sich irgendwelchen Beschlüssen unterordnen könne, da dies dem Prinzip der Unabhängigkeit entgegenlaufe, aufgekündigt worden sei.
Der Diskurs ist nur für die Zukunft relevant, denn er kann Akteure in ihren Entscheidungen beeinflussen. In der Gegenwart aber zählt nur die Tat, hier ist der Unterschied zwischen Position und Positionierung Werkzeug und zugleich der erste Baustein der Legitimation der Tat.
Die Diskurse der Machtlosen sind entsprechend Steinbrüche der Träume.
Zwischenspiel – Hegel und Novalis
Je besser man die Welt verstand, desto mehr wurden ihre Teile ihm Zahnräder im Kopf.
Alles ist nützlich,
notierte Hegel 1806, als Napoleons Armeen Europa neu durchzogen, um dieses Gefühl in Worte zu bannen.
Der kurz nach der Wende ins neue Jahrhundert verstorbene Novalis hatte dagegengehalten. Für ihn war die Natur zu einer
einförmigen Maschine […] erniedrigt worden, [die] unendlich schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle.
Wenn alles nützlich ist – wie nützt es allen?
Politik ist nie Selbstzweck – denn politische Entscheidungen sollen lediglich festlegen, wer was tun darf.
Ökonomie ist das Objekt dieser Regeln – wer was tun kann ist die Grundfrage der Macht.
Kultur ist das Bindeglied zwischen beiden – sie bestimmt, wer was tun oder lassen soll.
Ein Imperium behandelt verschiedene Gruppen in ihrem Einflussgebiet unterschiedlich.
Es hat politische Ziele vor allem insofern diese der Akkumulation und Absicherung ökonomischer Macht dienlich sind.
Ihre Akteure produzieren kulturelle Artefakte, mit denen sie diese Ungleichheiten zu legitimieren suchen.
Es liegt am Widerstand, Entscheidungswege und Wirtschaftsstrukturen zu demokratisieren. Dafür ist eine ständige Gegenkultur die Grundlage. Wie demokratisch er diese gestaltet, beeinflusst die Verfasstheit späterer Gegenpolitik, also auch deren Effektivität der Umverteilung.
Demokratie bedeutet jedoch Begrenzung von Macht. Wie aber gewinnt man Kämpfe gegen Imperien, wenn man nicht alle Kräfte entfaltet?
Aus diesem Dilemma schlagen Akteure des Widerstands unterschiedliche Pfade frei.
Es gibt den Widerstand, der Entscheidungsfindung möglichst stark zentralisiert, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Ihm sind viele Mittel recht, um das Ziel zu erreichen. Es ist dies der Widerstand der geschlossenen Form, oft der autoritären Partei. Er wird immer auch andere als die imperialen Kräfte angreifen, da er schließlich nur sich selbst Entscheidungen erlaubt.
Es gibt den Widerstand, der nur solche Mittel wählt, die durch offene Entscheidungsformate erreicht wurden. Er bietet viel Angriffsfläche, weil imperiale Akteure seine inneren Gegner unterstützen können, etwa in Form eines Putsches. Er sucht andere als die imperialen Kräfte zu schonen und präferiert gewaltärmere Formen. Es ist dies der Widerstand der offeneren Form. Er sucht Veränderung durch Partizipation in Parlamenten und den Aufbau von basisdemokratischen Strukturen zu erreichen.
Während andere parlamentarische oder gesellschaftliche Kräfte oft zu Kompromissen mit imperialen Strukturen bereit sind, auch weil sie davon profitieren, nicht zuletzt ökonomisch, suchen Akteure der offeneren Variante des Widerstands, sich zwischen diesen und der geschlosseneren Form des Anti-Imperialismus zu positionieren. Sie streben die Umverteilung ökonomischer Macht an, ohne gleichzeitig politische Macht zu monopolisieren.
Das Imperium wie sein Widerstand haben Zentren und Peripherien, aber kennen auch Zwischenwelten. Imperien kontrollieren Peripherien in unterschiedlichem Maße politisch, aber etablieren stets eine ökonomische Abhängigkeit und Hierarchie. Widerständige Strukturen können diesen Strukturen mit zunehmender Macht ähnlicher werden, wogegen sich wiederum andere Widerstände bilden können. Die widerständische proto-imperiale Macht wird dabei von ihren Vertretern als notwendig dargestellt werden, da sie nach wie vor gegen die ursprüngliche und weiterhin existente imperiale Macht gerichtet ist.
Der offenere Widerstand sucht die Kritik an beiden aufrechtzuerhalten, immer in Relation zur Position der unterschiedlichen Akteure. Er hat eben gerade kein fixes Programm, wie das Ziel zu erreichen ist: politische, ökonomische und kulturelle Macht zu demokratisieren.

Moskau 1932
Die Revolution bringt alle Ordnungen durcheinander; Führer und Masse zugleich ist jeder von den Funken des Widerstands Getroffener.
Wie ein Stern, mit weit gestreckten Händen und Füßen den gesamten Bildrahmen absteckend, bricht der Aufständische zum Kampf hervor. Hinter sich weiß er fünf Genossen, einer mit spitz fliegender roter Fahne. Ganz klein unter ihnen marschieren unter verschiedensprachigen roten Bannern Mengen an Gleichgesinnten zwischen umkippenden Bankgebäuden ihren Feinden entgegen: den kanonenbestückten Kolonialtruppen unter Tropenhelmen, befehligt von einem dicken, fratzenhaften Mann mit Glatze in schwarzem Anzug, unterstützt, deutlich kleiner wieder, von drei nicht-weißen Figuren in vornehmen Kleidern, der Eliten der Kolonisierten.
Der Philosoph Vilém Flusser hat in Bildern magische Eigenschaften erkannt, denn sie kennen keine Zeitlichkeit. Aus ihnen lassen sich keine Kausalketten ziehen. Sie sind also keine Geschichten. Diese können wir höchstens in ihnen wiedererkennen oder sie explizit in sie hineinlesen.
1932 schuf der jüdisch-sowjetische Grafikkünstler Isaac Benich Rabichev eine Re-Präsentation der kolonial unterdrückten Völker gegen den Imperialismus. Das Besondere: Anders als in vielen anderen Beispielen dieser Zeit gibt es keine Figur eines weißen Proletariers, der den Kampf anführt oder zumindest visuell in dessen Zentrum steht. Durch die Unterschrift werden die Kämpfenden zwar als unter dem Zeichen der proletarischen Revolution stehend beschrieben, es ist also dieser Code, der ihren Aufstand zum Erfolg führen wird. Aber sie kämpfen für sich selbst.
Schauen wir uns die Lücke zwischen Position und Positionierung an, deutet der oben beschriebene Wandel der Unterstützung antikolonialer Bewegungen durch Moskau darauf hin, dass in dieser Phase das sowjetische Imperium eben tatsächlich nur solche Initiativen fördert, die sich explizit dem sowjetischen Weg verschrieben.
Ab 1935 favorisierte die sowjetische Führung dann plötzlich die Zusammenarbeit mit anderen antifaschistischen Kräften und legte den Genossen in Indien etwa die Kooperation mit anderen antiimperialen Akteuren nahe, auch um durch eine solche Abschwächung der revolutionären Bestrebungen die diplomatischen Annäherungsversuche an London nicht zu gefährden. Auch im chinesischen Bürgerkrieg überwogen geopolitische Überlegungen die Solidarität mit der chinesischen KP.
Lviv 1919. Die Wahrheit – Kontexte und Programme
Die Front lief mitten durch die Stadt.
Das Imperium war zerbrochen. Jahrhunderte hinüber innerhalb von Tagen. Und schon starben seine Erben um das Land. Ukrainer stellten die Mehrheit auf dem Land rings um die Stadt, in ihren Straßen aber dominierten Polen. Aber sie kämpften nicht alleine: in ihrer Mitte gefangen waren jene, die beide Seiten nicht wollten, die für beide Seiten Verräter waren, weil sie angeblich die jeweils andere unterstützten. Dabei wollten sie nur Frieden.
Nach dem Pogrom sammelte Joseph Tenenbaum die Beweise. Der Lemberger Judenpogrom, unter dem Pseudonym Josef Bendow veröffentlicht, erzählt die Ereignisse von den gestreuten Gerüchten über Pogrome anderswo über die Lüge der jüdischen Heckenschützen bis hin zum Zusammenschluss aller Schichten der polnischen „Mitbürger“ einschließlich der Professoren und Advokaten im Gewaltrausch. Aber er beschreibt nicht nur – er sammelt Zeugenaussagen.
Er konnte sie nur in Wien herausgeben – im Zentrum des für immer zerbrochenen Reiches.
Jeder Nationalismus, also der Prozess der Identitätsbildung auf einer bestimmten Kategorie, kann jederzeit von einem defensiven zu einem aggressiven Charakter wechseln, je nach Kontext. Wenn er die Möglichkeit dazu erhält, kann er auch seinerseits imperiale Macht ausüben.
Die polnische Nationalbewegung vollzieht im regionalen Bereich 1918 diesen Wechsel gegenüber anderen Ethnien in ihrem Osten und ihrer Mitte. In globaler Hinsicht bleibt sie dagegen defensiv gegenüber dem Deutschen Reich und, wenn auch nicht in identischer Weise, der UdSSR.
Komplexität sollte uns nicht davon abhalten, klar zu urteilen.
Ein System kann Ziele verfolgen, die im Widerspruch zueinander stehen. Während philosophische Modelle an ihrer inneren Stimmigkeit gemessen werden, geht es staatlichen Systemen oder solchen, die es werden wollen, primär um Auf- oder Ausbau oder zumindest Erhalt dieser Machtstruktur. Diese kann jedoch in unterschiedlichen Modi erfolgen: in sub-, supra- oder – Ko-Existenz mit anderen. Systeme können sich aus der Not heraus anderen unterordnen, andere beherrschen – oder, zumindest sollte dieser Traum nie aufgegeben werden, mit ihnen gemeinsam existieren, ohne ein Gefälle an gegenseitigen Abhängigkeiten. Dafür braucht es neben neutralen internationalen Strukturen auch transnationale Netzwerke.
Bei aller Einzigartigkeit der Palästina-Frage lässt sich Derek Penslars Arbeitsdefinition des Verhältnisses von Zionismus und Kolonialismus auch in anderen Kontexten diskutieren. Er schreibt:
The Zionist project was historically and conceptually situated between colonial, anticolonial, and postcolonial discourse and practice. Colonial and anticolonial elements coexisted in the Zionist project from its inception until the creation of the state in 1948.
Dieser Rohbau muss ausgefüllt werden. Die Rede Yitzhakys ist klar antikolonial, während die Praxis zumindest den Versuch der Kohärenz mit dieser darstellte – die in Palästinensische Kommunistische Partei umbenannte Partei der sozialistischen Arbeiter etwa wurde 1921 von den Briten verboten. Andere zionistische Strömungen positionierten sich patriarchaler und meinten etwa, dass ihre Ankunft den Arabern guttun würde, ohne diese selbst danach zu fragen, ein zu dieser Zeit weit verbreitetes diskursives Muster. Kohn erkannte dabei schon unmittelbar nach Etablierung des Mandats eine ungeheure Gefahr:
den chauvinistischen Geist unserer Zionisten, ja selbst leider den unserer Arbeiter und unserer Jugend in Palästina und in der Diaspora. Unsere Menschen kommen in das Land mit dem Herrengefühle historischer Rechte und der sie anerkennenden Einleitungen der Mandate.
Auch explizites Nation Building, wie es in jener Zeit gängiges Muster war, auch in den anderen Mandatsgebieten der Region, also der Prozess, ein System aufzubauen, das sowohl in- als auch ex-kludiert, kann als Reaktion auf Erfahrungen wie jene in Lviv eingeordnet werden. Gleichzeitig ist der Kontext in Ostgalizien und Palästina ein anderer. Wo die jüdische Bevölkerung in ersterem in jeder Hinsicht die vulnerabelste Gruppe war, sahen die Briten sie in Palästina eher als eine Bevölkerungsgruppe, auf die sie ihre Herrschaft stützen konnten, die dabei aber von London abhängig blieb, sodass Forderungen, etwa offene Grenzen für Flüchtlinge, oft nicht erfüllt wurden. Die Gewalt, die etwa 1929 ausbrach, offenbart zudem auch hier ihre Verletzlichkeit. Verletzlich waren hier aber auch jene, die Verdrängung erlebten, so legal sie auch war.
George Antonius, Sohn griechisch-orthodoxer Christen aus dem Libanon, der in den 1920er Jahren für die Schulverwaltung des Mandats für Palästina gearbeitet hatte und durch sein 1938 erschienenes Buch “The Arab Awakening” große Bekanntheit erlangte, beschrieb in seiner Anhörung vor der Peel-Kommission, die nach dem arabischen Generalstreik 1936 eingesetzt wurde und schließlich die Teilung Palästinas vorschlug, ein Gefühl der Ungleichbehandlung:
The Arabs, quite apart from their objection to the policy, feel they are treated on a different footing from the Jews in a variety of ways. In the first place, the way in which the Administration regards Arab nationalists and Zionist nationalists is quite different. It is a psychological phenomenon, but it is none the less true, in the minds of the Government and of a great many officials a Zionist is a man who is perfectly ‘all right’ and entitled to every kind of consideration, every kind of hearing. An Arab nationalist is the devil incarnate; you have to be careful of him, he is a revolutionary or a possible revolutionary. He is spied upon, reported upon.
Nationale Selbst-Bestimmung muss wenn dann für alle gelten, auch wenn die Ermöglichung von Schutz vor Vernichtung in Europa eine zentrale und immanente ethische Maßgabe darstellte, die aber gleichzeitig nicht zulasten daran Unschuldiger gehen durfte. Es waren die Imperien, die sich auf der Konferenz von Évian 1938 weigerten, ihre Türen für die Flüchtlinge zu öffnen, die gemessen an ihren Möglichkeiten eine größere Verantwortung trugen als die unfreie, da unter Mandats-Verwaltung lebende arabische Bevölkerung Palästinas.
Auch andere Bewegungen und Staaten suchten aus der Not heraus die Nähe zu Imperien, um eigene Ziele zu verwirklichen. Die nach dem Ersten Weltkrieg unabhängig gewordenen Staaten im östlichen Europa lehnten sich an die westlichen Imperien an, um sich gegen Deutschland und die UdSSR abzusichern. Kurdische Bewegungen nahmen notgedrungen US-amerikanische Waffen an, so wie es die Mudschaheddin taten, als die UdSSR Afghanistan überfielen – nur um danach zu ihren schärfsten Gegnern zu werden. Das legitimiert aber nicht die Machtfülle der Imperien, sondern deutet vielmehr auf die Notwendigkeit hin, grenzüberschreitende Systeme der Solidarität, des Schutzes von Minderheiten (wobei der Völkerbund versagte), also der Antwort auf die Verletzlichkeit von Gruppen zu organisieren, die nicht notwendigerweise, wie Imperien es eben tun, wiederum andere unterdrückt. In vielen zionistischen Texten der Zeit findet sich tatsächlich ein Nebeneinander von Begründungen der Notwendigkeit der Anlehnung an London und die Verurteilung kolonialer Gewalt, wie wir sie bereits in der Rede in Brüssel gesehen haben.
Gehen wir einen Schritt zurück: wozu bewerten wir Bewegungen? Mit Niklas Luhmann sollten wir hier von moralischen Maßstäben absehen und ethische anlegen. Nehmen wir das Phänomen der Re-Präsentation ernst, sollte es bei Einordnungen um die Geschädigten gehen, und zwar anhand von zuvor von allen festgelegten Regeln. Das Völkerrecht stellt heute ein solches Werkzeug dar. Es zu verteidigen ist der einzige Weg.
Fügen wir Bewertungen antikolonialer Bewegungen aus der Zeit in dieses Muster ein, wird erkennbar, dass der Zionismus durchaus nicht einhellig als koloniales Projekt bewertet wurde. Irisch-republikanische und zionistische Aktivisten etwa nahmen sich aufgrund der Parallelen, die sie zwischen ihren jeweiligen Unterdrückungskontexten erkannten, gegenseitig als Inspirationsquelle wahr. Anlässlich des Vorschlags der Peel Commission von 1937 äußerte sich der irische Premierminister de Valera:
from a knowledge of what partition means in Ireland now, and what I am convinced it will mean in the future, I have reached the […] conclusion […]: only by negotiation and free agreement between Jew and Arab… can there be a satisfactory solution. I regard partition as perhaps the worst of the many solutions that have been proposed.
Aber auch W.E.B. DuBois äußerte in seinem Journal The Crisis 1919:
The African movement means to us what the Zionist movement must mean to the Jews, the centralization of race effort and the recognition of a racial fount.
Später änderten sich solche Einschätzungen, vor allem nach den Kriegen von 1956 oder 1967.
Unterschiedliche Akteure nutzen Kommunikation für unterschiedliche Ziele. Die Lüge wird ganz unaufgeregt als Mittel gesehen, Macht zu sichern oder auszubauen, aber auch, sich zu verteidigen. In anderen Kontexten ist die Suche nach der Wahrheit oder nach dem besseren Argument die Funktion von Texten oder Bildern, sowohl in der eigenen Äußerung als auch der Analyse der Kommunikation anderer. Ein imperial herrschender Politiker wird durch die Zeichen, die er in die Welt hinaus sendet, etwa ungleiche Verträge als notwendig oder gerecht darzustellen suchen. Ein imperial beherrschter Akteur dagegen kann entweder der Lüge die Wahrheit entgegensetzen, also etwa den Zwang beschreiben, unter dem der Vertrag zustande kam; er kann aber auch, wenn er dies als notwendig erachtet, darüber hinaus gehen, etwa indem er Lügen über Rivalen um die Macht in der anzustrebenden Unabhängigkeit streut oder Repression gegen die anderen Unterdrückten als notwendiges Übel darstellt, wenn diese andere Wege präferieren.
Da Kommunikation wie Technologie das Umsetzen von Programmen ist, liegen die Dinge aber auch hier komplizierter. Akteure beherrschen Sprache nie absolut, sie sind immer auch selbst ihre Objekte.
Zwischenspiel – Panizza und Toller
In Oskar Panizzas Menschenfabrik von 1890 stolpert ein Wanderer in die Fertigung von künstlichen Menschen hinein. Der Fabrikant erklärt dem Erschütterten nüchtern:
Bei den heutigen schwankenden Zeitverhältnissen, bei der Unzuverlässigkeit der meisten Menschen, der Zweifelsucht, der Schwierigkeit der Wahl des Berufs, dem Zaudern und Zögern auf allen Gebieten musste sich schließlich das Bedürfnis einstellen, Menschen zu haben, von denen man weiß, was sie sind, was sie für Anlagen haben, welchem Temperament sie zuneigen und dass Anlagen und Temperament sich unverbrüchlich gleich bleiben. Wir statten unsere Menschen bei der Geburt mit einer nach den besten Mustern hergestellten Kollektionen geistiger und leiblicher Vorzüge aus, und die verbleibt ihnen unter allen Umständen.
Wenn Modernität Menschsein nicht verbessert, sondern ersetzt, ist sie kein Mittel zum Zweck mehr, sondern Unterdrückung nur.
Ernst Toller, während er die Haftstrafe für seine Teilnahme am Experiment der Münchner Räterepublik absaß, schrieb in seinem Stück Masse Mensch von einer anderen Art Abrichtung.
Wer raubte Brüdern menschlich Antlitz, / Wer zwang sie in Mechanik, / Erniedrigt sie zu Kolben an Maschinen?
, fragen die Figuren.
In diesem Text gibt es außerhalb Europas nichts. Nach seiner Freilassung aber wandelt er sich. 1927 nimmt auch er am Brüsseler Kongress teil. In seiner Rede schenkt er zunächst jemand anderem sein Wort, einem „Kameraden aus Afrika“, der ihm gestanden hatte:
Wir haben genug von der Zivilisation!
Technologie befreit nicht. Sie eröffnet neue Möglichkeiten, aber nur entlang und in der Logik der Infrastrukturen.
Befreiung kann also auch nie absolut sein. Sie muss Gegenstrukturen schaffen, die wiederum Möglichkeiten öffnen, aber innerhalb von Infrastrukturen. Sie muss also die Programme ändern, mit denen die materielle Basis bespielt wird.
Andere zu re-präsentieren bedeutet, als ihre Stellvertretung in Relation zur Medialität zu agieren.
Vertreten Abgeordnete Wahlkreise, ist allen Beteiligten klar, dass ihre Arbeit genau darin liegt, möglichst nah an die Wünsche einer großen Gruppe heranzukommen.
Erfinden Autor*innen eine Figur einer bestimmten Ethnie, machen sie diese plötzlich auf einem Stück Papier oder einer Bildschirmzeile präsent, wo sie es zuvor nicht war. Eine große Verantwortung lastet so auf den Stellvertretenden, die nun nicht vorgeben, möglichst nah an die Repräsentierten heranzukommen, sondern Figuren zu erschaffen, deren Funktion darin liegt, wie ein Mensch gelesen werden zu können. Dasselbe gilt für Künstler*innen, die einen bestimmten Ort auf ein Gemälde oder in ein Videospiel re-präsentieren.
Zu re-präsentieren bedeutet, Welten an ihrer Statt zu erschaffen.
Die Funktion der Re-Präsentation ist der Unterschied zum Original.
Positionierungen sind Thesen zu Verhältnissen des selbst zum Re-Präsentierten.
Der Unterschied zwischen Position und Positionierung ist das Feld des Diskurses – und der Diskurs-Analyse.
Bandung 1955. Die Widersprüche – Klasse und Nation
Alle waren sie gekommen. Neutralisten saßen neben Kommunisten in der Halle der Freiheit in einem Gedung Merdeka (Gebäude der Unabhängigkeit) umbenannten Art Déco Palast im Herzen des Kurorts auf Java, in dem sich früher die niederländischen Plantagenbesitzer und Kolonialbeamte zum Tanz getroffen hatten.
Vertreter noch abhängiger Staaten schüttelten die Hände der schon Europa Entkommenen. Aber alle waren sie Regierungsvertreter. Um ihre Versammlung abzusichern, hatten die fünf Länder, die die Konferenz organisiert hatten, einen allzu antikolonialen Ton vermieden.
Ihr Gastgeber, Präsident Sukarno, hatte sie in aller Bescheidenheit begrüßt. Alle materiellen Entbehrungen würden hoffentlich durch die Wärme des Empfangs kompensiert. Er teilt eine Reihe an Emotionen mit ihnen: stolz ist er, dass sie sich hier versammeln; glücklich, dass sie gekommen sind; aber er ist auch traurig, wenn er an all die Opfer denkt, die ihre hier versammelten Völker zahlen mussten.
Auch hier verläuft nicht alles nur harmonisch. Gestritten wird etwa über die Politik der Sowjetunion in Osteuropa. Sind das nicht auch imperiale Verhältnisse, fragen manche. Es ist nicht unser Thema, die anderen.
Nehru ist ein anderer geworden. Er ist nicht als Streiter für ein unabhängiges Indien gekommen, als der er noch vor einigen Jahren die Welt bereist hat, sondern als dessen Premierminister. Die Vision, die er aufmacht, klingt entsprechend anders als damals in Brüssel, als er über die Blockbildung spricht:
I belong to neither and I propose to belong to neither whatever happens in the world. If we have to stand alone, we will stand by ourselves, whatever happens – and India has stood alone without any aid against a mighty empire, the British Empire – and we propose to face all consequences.
Die Welt draußen brannte. Immer lauter pochten die Entrechteten nach ihren eigenen Staaten, immer lauter forderten sie, ihre Zukünfte selbst zu planen, selbst über sich zu entscheiden. Wie aber sollte das genau geschehen?
Zwei Jahre zuvor, im August 1953, hatten britische und amerikanische Geheimdienste einen Putsch im Iran unterstützt, nachdem dessen Premierminister die Ölindustrie verstaatlicht hatte.
Ein Jahr später, im Mai 1954, besiegten die antikolonialen Kräfte Vietnams die französische Kolonialarmee in Điện Biên Phủ.
Und nur ein Jahr nach Bandung kämpften die alten und die neuen Mächte um die wichtigste Wasserstraße der Welt: den Suez-Kanal.
Das Dilemma widerständischer Akteure, ob sie dieses als solches wahrnehmen oder nicht, löst sich oft in einen Dualismus von politischem oder ökonomischem Primat auf. Kräfte, die die nationale Einheit gegen äußere Widerstände anstreben, unterdrücken oft entweder soziale Kämpfe, um die Fronten zu reduzieren oder setzen soziale Gleichheit durch um den Preis politischer und kultureller Freiheiten. Versuche, beides zu vereinen, wurden bisher stets von Imperien zerschlagen, da sie eine unangenehme Wahrheit zu etablieren drohten: dass Freiheit nicht entweder nur für die ökonomisch oder politisch Mächtigen, sondern für alle umgesetzt werden kann, wenn sie auf allen drei Ebene gleichzeitig erkämpft wird: als politische Mitbestimmung, als ökonomische Teilhabe, also Umverteilung, und kulturelle Offenheit.
Zwischenspiel – Tolstoy und Huxley
Zitate lassen uns in anderen sprechen, und andere in uns.
1946 setzt ein junger Aldous Huxley seinem Essay Time of the Oligarchs zwei Sätze des Autors Lev Tolstoy voran:
If the arrangement of society is bad (as ours is), and a small number of people have power over the majority and oppress ist, every victory over Nature will inevitably serve only to increase that power and that oppression. This is what is actually happening.
Diese Worte, ein halbes Jahrhundert später, beschreiben für ihn auch seine Zeit, da dieser Prozess nie aufgehört habe.
Wer bestimmt, wer was sehen kann?
Sind Informationen Waren, können Diskurse nicht neutral sein.
Im Berlin der Zwischenkriegszeit bot eine Vielzahl an kleinen wie großen Verlagen ihre Diskursangebote an. Progressive Akteure suchten eine Demokratisierung dieser Prozesse, indem sie etwa Arbeitern die Möglichkeit verschaffen wollten, auch als Sender in diese Räume einwirken zu können. Reaktionäre Kräfte dagegen strebten eine Verengung und Hierarchisierung medialer Strukturen an. Mehr sollten sprechen, aber sie sollten nur wiederholen, was von oben kam.
Die radikalste Form der Reaktion – auch wenn sie sich revolutionär gerierte – wollte ihre Gegner nicht nur wirtschaftlich bekämpfen, sondern wählte die physische Gewalt. Ab Ende der 1920er Jahre überfiel die Sturmabteilung der NSDAP Versammlungen oder Demonstrationen der verschiedenen Bewegungen der Arbeiterklasse.
Die reichweitenstarken digitalen Medien des 21. Jahrhunderts ermöglichen vielen, als Sender zu agieren, allerdings nur zu den Bedingungen der Unternehmen, die die Kanäle anbieten. Die Algorithmen sind dabei die eine Seite eines ständigen Kampfes um Aufmerksamkeit. Die andere sind mediale Akteure, die einzelne Diskursereignisse aus den Plattformen aufgreifen, um darauf aufbauend eigene Nachrichten zu senden.
Die Besitzer der Infrastrukturen sitzen dabei am längeren Hebel, da ihr Angebot weiterhin attraktiv bleiben wird, solange sie technischen Fortschritt garantieren.
Progressive Bewegungen geben sich diesen Marktmechanismen hin, weil sie meinen, die Vorteile überwiegen. Nutzung kapitalistischer Infrastrukturen ist weniger schädlich als mit anderen Medien kaum jemanden zu erreichen.
Der Weg der durch den Druck auf den roten Knopf ausgelösten iranisch-vietnamesischen Rakete auf die US-amerikanischen Aggressoren auf meinem Bildschirm wird mir nie offenliegen werden.
Paris 1939. Die Moderne – List und Vernunft
Willi steht langsam auf, blickt seine Partnerin Babette Gross an, die ihre gemeinsamen Erlebnisse später aufschreiben wird, und nähert sich der Tür. Ohne das geringste Geräusch zu machen kniet er sich vorsichtig hin. Seine Befürchtung bewahrheitet sich: zwei Lücken stechen durch das Licht, das unter der Türschwelle hindurchscheint. Dann ertönt dasselbe leise Klopfen nochmal – er hat sich also nicht verhört. Er kann sich nicht bewegen, im nächsten Moment öffnet sich die Tür.
Die Dinge hatten sich nicht von einem Tag auf den anderen gewandelt, es war ein Prozess gewesen, ein Gefühl im Magen, das sich langsam ausgebreitet hatte – die Gewissheit, dass etwas nicht stimmte, dass die Richtung nicht mehr zu seinem Kompass passte.
Er aber hatte geschwiegen. Sein Leben lang hatte er den Staat Lenins verteidigt, seines alten Freundes. In seinen Zeitungen hatte er berichtet, wie das Leben für die Arbeiter dort besser sei als in Deutschland. Und hatte auch zu Stalin geschwiegen. Bis zu diesem einen Tag – da war es dann doch plötzlich ganz schnell gegangen alles: Als dessen Truppen ins östliche Polen einmarschieren, ist es für Willi vorbei. Der Artikel, den er kurz darauf in seiner Zeitung veröffentlicht, ist nicht einmal mehr diplomatisch:
Der Verräter, Stalin, bist Du!
Aber es ist nur die Concierge. Verwundert blickt sie in das tief erschütterte Gesicht des sonst so lustigen Herrn Münzenberg.
Lange wird er nicht mehr hier bleiben können. Bald macht er sich auf den Weg Richtung Süden.
Wie genau er ums Leben kam, ist bis heute nicht geklärt.
Modernität wird ge- und verwoben – mit und gegen bestimmte Akteure. Sie hat aber keine Merkmale, sondern ist eine Differenz: sie ist alles strukturell neue. Leben ist quantitativer Wandel, aber qualitativ ist nur manche Veränderung. Das Altern von Organismen oder dynastische Wechsel ändern noch nichts an den Bedingungen sozialer Systeme.
Etablierung neuer Technologien – und das mag paradox erscheinen – sind jedoch noch kein solcher Wandel. Sie können zu ihm führen, wenn Akteure ihn entsprechend einsetzen, was sie tun können, wenn sie einen Nutzen darin sehen. Es kann aber geschehen, dass jemand lediglich eine Technologie nutzen will, weil sie Macht bedeutet, aber die strukturellen Bedingungen beibehalten will, ja diese gerade durch diese Technologie bewahren möchte, und sich durch ihre Einrichtung Veränderungen ergeben, die durchaus modern sind.
Vielleicht meinte Hegel das, als er von der List der Vernunft sprach. Qualitativer Wandel wird meist nur auf manchen Ebenen – oder gar nicht – gewünscht; auf anderen kann er trotzdem geschehen, wenn die Voraussetzungen stimmen.
Technologien sind Werkzeuge, aber Werkzeuge bilden Infrastrukturen, schaffen also Möglichkeiten, aber in begrenzten Galaxien.
Die Moderne gibt es nicht. Es gibt Prozesse, die manche Ebenen bestimmter Systeme durcheinander wirbeln und neu zu ordnen suchen – übrig bleibt dabei jedoch stets nur Gewirr, in dem nach Sinn gesucht wird. Da Modernität kein Werkzeug ist, sondern eine Bedingung, ist sie nicht ambivalent. Mit den Technologien, mit denen sie ge- und verwoben wurde, lässt sich aber Widerständisches basteln.
George Lansbury, einer der Teilnehmer von Brüssel, beschrieb in seiner Rede ein bemerkenswertes mediales Phänomen:
Es ist nicht möglich, den Enthusiasmus zu übertragen und ihn durch Tinte, Feder und Papier wieder aufleben zu lassen.
Re-Produktion ist eben Veränderung.
Dann richtete er seine Worte an – uns:
Ich [sah] im Geiste die Zeit hundert Jahre voraus, wo Menschen auf die große Versammlung im Palais d’Egmont zurückblicken und erzählen werden, daß Männer und Frauen aller Rassen sich im Monat Februar 1927 versammelten, um zu erklären, daß alle Menschen von Geburt gleich und alle zur Freiheit berechtigt sind, ja sogar um die größte und edelste aller Wahrheiten zu verkünden, daß der Zusammenschluß die einzig richtige Lebensform ist, daß nur in Verbindung untereinander für das Wohl aller Friede, Freude und Glück über die Menschheit kommen wird.
Für Vietnam sieht die Welt heute leider komplexer aus, als das iranische Video wünschen lassen könnte: aus Angst vor China muss das Land auf jenes zugehen, das nur 50 Jahre zuvor seine Menschen mit Phosphorbomben überzog.
Die Werkzeuge liegen auf der Straße.
Willi hatte verstanden, dass Re-Präsentation genau dann funktioniert, wenn sie den Anspruch an Perfektion verliert, weil sie im Multilog geschieht. In seinem Vorwort des Protokolls der Konferenz von 1927 schrieb sein Mitarbeiter Gibarti:
Trotz aller Bemühungen ist es nicht gelungen, ein Werk zu schaffen, das Anspruch auf Vollständigkeit erheben könnte. Der Leser muß sich stets vor Augen halten, daß der Brüsseler Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus nicht als Ergebnis eines organisatorisch bis in die letzten Einzelheiten durchdachten Planes zustande gekommen ist. Soweit organisatorische Vorarbeit geleistet worden ist, gab sie nur die Anregung zu seinem Zustandekommen und bildete das auslösende Moment zu einem Geschehen, das dann sozusagen explosionsartig eintraf.
Demokratie kann nicht perfektioniert werden. Nur radikalisiert.
Bild-Credits
Bild 1+2: Screenshot aus dem Video “VENGEANCE FOR ALL”/”ONE VENGEANCE FOR ALL”, veröffentlicht auf verschiedenen YouTube-Kanälen, 2026.
Bild 3: Teilnehmende des Kongresses in Brüssel 1927. Ganz links Willi Münzenberg, neben ihm Jawaharlal Nehru.
Bild 4: Isaac Benich Rabichev, Die unterdrückten Völker der Kolonien erheben sich unter dem Zeichen der proletarischen Revolution im Kampf gegen den Imperialismus, 1932.


